Fachtagung: “Wie sprechen? Wie erinnern?” 2./3.12. in Duisburg
Fachtagung zu multiperspektivischer Erinnerungsarbeit in Duisburg in Kooperation mit der Muslimischen Akademie Heidelberg, der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) und dem Zentrum für Erinnerungskultur (ZfE) in Duisburg
Wie sprechen wir über Gegenwartsbezüge bei Gedenkstättenfahrten? Wie praktizieren wir das „Erinnern“ in einer zunehmend postmigrantisch geprägten Gesellschaft? Diesen und vielen anderen Fragen stellten wir uns in unserer Fachtagung „Wie sprechen? Wie erinnern? die am 2. und 3. Dezember 2025 in Duisburg stattfand.
Die Tagung richtete sich an wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeitende von Gedenkstätten, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte von Schulen sowie Mitarbeitende von Trägern der politischen Jugendbildung mit postmigrantischem und muslimischem Selbstverständnis. Über 50 Teilnehmende tauschten sich in den Räumen des Internationalen Zentrums der Stadt Duisburg (IZ) und im Zentrum für Erinnerungskultur (Stadtarchiv Duisburg) über die Chancen und Herausforderungen aus, Gedenkstättenfahrten multiperspektivisch, dialogorientiert und rassismuskritisch zu gestalten. Ziel der Fachtagung war, dass Teilnehmende Einblicke in die Perspektiven muslimischer und postmigrantischer Akteur*innen gewinnen und erfahren, wie Sprache, Begriffe und Erzählweisen den Blick auf die NS-Verbrechen und die Gegenwart wechselseitig prägen.

Moderiert wurden beide Tage von Susanne Becker (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk, IBB gGmbH) und Jakob Rosenow (et).
Tag 1: Erinnerungskultur und Ausschlüsse – Impulse zum Auftakt
Nach der Begrüßung durch Schewa van Uden (IZ), Jann-Knut Büttner (BMBFSFJ) und Dr. Astrid Sahm (IBB gGmbH) eröffnete Prof. Dr. Esra Özyürek (University of Cambridge), die live dazugeschaltet wurde, die Tagung mit ihrem Impulsvortrag „Stellvertreter der Schuld“. Sie kritisierte, dass die deutsche Holocaust-Erinnerungskultur Menschen, die nicht als ethnisch deutsch wahrgenommen werden, lange ausgeschlossen habe.
„Bis in die 2000er Jahre hinein galten Menschen mit muslimischem Hintergrund in der Holocaust-Bildung schlicht als irrelevant“, so Özyürek. Besondere Programme für „Muslime“ seien problematisch, da sie diese pauschal markieren und unter Generalverdacht stellten. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass viele muslimische Jugendliche historische Gewalt sehr wohl verstünden – jedoch aus ihrer eigenen Gegenwart heraus: „Wenn Menschen empathisch sind, dann immer von dem Ort aus, an dem sie stehen. Für viele gilt: Was damals passiert ist, passiert mir heute.“
Podiumsdiskussion: Zwischen Dialog, Verantwortung und Sprachlosigkeit
In der anschließenden Podiumsdiskussion – moderiert von Neta-Paulina Wagner (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, DeZIM) – diskutierten Prof. Dr. Esra Özyürek, Prof. Dr. Wolfgang Benz (ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, TU Berlin) Prof. Dr. Jens-Christian Wagner (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) und Dr. Imen Ben Temelliste (Muslimische Akademie Heidelberg) zentrale Herausforderungen aktueller Gedenkstättenpädagogik.

Imen Ben Temelliste machte auf die unterschwelligen Erwartungen und den Generalverdacht gegenüber muslimischen Jugendlichen aufmerksam: „Viele Jugendliche müssen sich ständig distanzieren. Sie werden nicht als Lernende, sondern automatisch als potenzielle Täter gelesen – das erschwert Gespräche auf Augenhöhe.“
Jens-Christian Wagner betonte die Bedeutung einer klaren historischen Einordnung bei gleichzeitiger Offenheit für Vergleiche: „Was wir nicht tun dürfen, ist gleichsetzen. Vergleichen müssen wir jedoch. Sonst bleibt Geschichte folgenlos.“
Als zentrale Herausforderung benannte er den zunehmenden Geschichtsrevisionismus, insbesondere im Kontext aktueller politischer Debatten. Wolfgang Benz rückte die Rolle der Mehrheitsgesellschaft in den Fokus: „‚Nie wieder‘ höre ich seit 1000 Jahren.“ Entscheidend ist nicht der Vergleich von Opfergruppen, sondern das Verhalten der Mehrheit gegenüber Minderheiten.
Gleichzeitig wurde eine zunehmende Sprachlosigkeit und Polarisierung in öffentlichen Debatten konstatiert. Diskussionen seien „entgleist“, ein echter Dialog finde kaum noch statt.
Gemeinsames Erinnern neu denken
In der Diskussion wurde deutlich, dass es weniger um ein ritualisiertes „Erinnern“ als um eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte gehen müsse, bei der sich der Staat aus der Deutung heraushalten müsse. Jens-Christian Wagner plädierte dafür, den Begriff des Erinnerns zu hinterfragen, Wolfgang Benz forderte, „die Dinge beim Namen zu nennen“, und Imne Ben Temelliste betonte die Notwendigkeit, muslimische Perspektiven nicht nur einzubinden, sondern aktiv mitgestalten zu lassen. Esra Özyürek machte deutlich: „Solange muslimische Menschen marginalisiert werden, werden sie sich selbst als Opfer wahrnehmen. Die Perspektive muss sich in der Mehrheitsgesellschaft ändern.“
Workshops: Praxis, Emotionen und Ambivalenzen
Am Nachmittag arbeiteten die Teilnehmenden in drei parallelen Workshops weiter.
Der Workshop zu traumasensiblem Arbeiten, unter der Leitung von Kristina Kelch und Nina Alerić, stellte den Healing-Classrooms-Ansatz des International Rescue Commitees vor und zeigte, wie ein sicheres Lernumfeld, klare Strukturen und emotionale Stabilisierung zentrale Voraussetzungen für gelingende Bildungsarbeit sind. Die Teilnehmenden nahmen mit, dass Emotionen in dem Diskurs berücksichtigt, aber auch reflektiert werden müssen.
Im Workshop „Warum Täter sein, wenn man Opfer sein kann?“ mit den freien Bildungsreferenten Furkan Yüksel und Kiril Denisow wurden Ambivalenzen moderner Erinnerungskultur diskutiert, etwa die Universalisierung von „Nie wieder“ oder die Frage, wann Kontinuitäten zur problematischen Gleichsetzung werden. Wichtig sei dabei die Berücksichtigung von transnationalen Verflechtungen und Bezügen.
Der Workshop zum Themenkomplex Palästina–Israel mit Lili Zahavi und Nadine Migesel, Patinnen des Projekts Trialoge der Gesellschaft im Wandel GmbH setzte auf biografische Zugänge, Selbstreflexion und dialogische Methoden. Ziel war es, die eigene „Brille“ zu erkennen, Narrative zu hinterfragen und einen respektvollen Umgang mit kontroversen Perspektiven einzuüben. Die biografischen Inputs wurden dabei als sehr wertvoll erachtet.
Tag 2: Lokale Perspektiven und Transfer
Der zweite Tag begann im Zentrum für Erinnerungskultur Duisburg mit einer Begrüßung durch Dr. Andreas Pilger (ZfE) und einem Rückblick auf die Workshops. Viele Teilnehmende berichteten, sich zu Methoden ausgetauscht zu haben und Erinnerungskultur statt als Floskel, als konkreten pädagogischen Ansatz zu begreifen.

In seinem Vortrag „Ein anderes Duisburg – migrantische Erinnerungskultur“ stellte Ali Şirin (ZfE) Projekte vor, die migrantische Perspektiven sichtbar machen und lokale Erinnerung erweitern.
Es folgten Einblicke in die Sonderausstellung „ÜBERSEeHEN – Auf (post)kolonialer Spurensuche in Duisburg“ sowie Ansätze zur lokalhistorischen Vorbereitung von Gedenkstättenfahrten. Durch biografische Bezüge aus dem eigenen Stadtteil können Verfolgte als Menschen mit Geschichte sichtbar werden – nicht nur als abstrakte Opfer.

Konzeption, Austausch und Abschluss
Nach der Mittagspause entwickelten die Teilnehmenden in Kleingruppen eigene Konzepte für Gedenkstättenfahrten entlang der Leitfrage „Wie sprechen? Wie erinnern?“. Anlass, Herausforderungen, Chancen, Zielgruppen, Lebensweltbezüge sowie Lernziele und Methoden wurden gemeinsam reflektiert und in einem Gallery Walk präsentiert.
In der abschließenden Auswertung wurde die Tagung nahezu durchweg als inspirierend, motivierend und lehrreich beschrieben. Besonders hervorgehoben wurden die emotionale Tiefe einiger Workshops, der fachliche Austausch und die neu geknüpften Kontakte. Als gelungen empfanden die Teilnehmenden zudem die bei der Veranstaltung vorherrschende Gesprächsatmosphäre des „hermeneutischen Wohlwollens“.
Kritisch angemerkt wurde jedoch, dass postmigrantische und muslimische Akteur*innen zahlenmäßig unterrepräsentiert waren und ein echter Dialog dadurch nur eingeschränkt möglich war.

Fazit
Die Fachtagung machte deutlich, dass eine zukunftsfähige Erinnerungsarbeit kritisch, dialogisch und multiperspektivisch gedacht werden muss. Sie lieferte wichtige Impulse für eine Gedenkstättenpädagogik, die historische Verantwortung ernst nimmt und zugleich die Erfahrungen einer vielfältigen Gesellschaft einbezieht.
Weiterführende Materialien
- Programm und Einladung
- Präsentation vom Workshop “Traumasensibles Arbeiten im Kontext von Gedenkstättenfahrten nach dem Healing-Classrooms-Ansatz”
- Präsentation vom Workshop “Warum Täter, wenn man Opfer sein kann?”
- Präsentation zum Workshop “Mit Wissen im Gepäck – Gedenkstättenfahrten lokalhistorisch einbetten”






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